Über Hände, die spielen und wachsen

„Manitos trabajando“, kleine arbeitende Hände, „Manitos cresciendo“, kleine wachsende Hände, „Manitos jugando“, kleine spielende Hände – so nennen sich Teile des Projektes CANAT, in dem ich nun seit rund einem Monat mitarbeite. Hier möchte ich mit dir für eine Weile hinter die Einsatzbereiche CANATs blicken und über deren große und kleine Hände erzählen.

CANAT zu verstehen heißt in großem Maße die Sehnsüchte und Träume, aber auch Probleme und Schwierigkeiten von Menschen, insbesondere Kindern, aus armen Verhältnissen in Peru zu verstehen. Arbeit finden – das ist beispielsweise eine Hoffnung, die zahlreiche Menschen in die Städte zieht. Doch die wird in den meisten Fällen enttäuscht. So reicht ihr geringes Einkommen kaum für den täglichen Lebensunterhalt und die Kinder müssen schon sehr früh zum Familieneinkommen beitragen. Manche sind da gerade einmal fünf Jahre alt. Fehlende Schul- und Ausbildung als Folge erschweren ihre Situation, später selbst eine einträgliche Arbeitsstelle zu finden. Stattdessen müssen Kinder und Jugendliche mit Hilfsarbeiten, z.B. in Läden und Restaurants oder Müllsortieren, zum täglichen Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen. Auch die Lebensumstände werden für viele zum Problem: der Großteil ist in Siedlungen zu Hause, in denen die Grundbedingungen zum Leben, wie Wasser- und Stromversorgung, äußerst dürftig oder gar nicht erst vorhanden sind. Alkohol, fehlende Hygiene, Gewalt – das sind alles Themengebiete, mit denen sich etliche Kinder von klein auf konfrontiert sehen.

Wie versucht also CANAT, in diesem Umfeld für eine faire und solidarischere Welt einzutreten, Stellung für würdiges Leben zu beziehen, ein Zentrum von Kreativität und humanitärer Aktivität zu sein?

Organisatorisch gesehen ist das Projekt in mehrere Bereiche aufgegliedert, die ich schon etwas ausführlicher geschildert habe (klick doch einfach mal hier, um das Wichtigste nochmal nachzulesen).

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„Ich bin, weil du bist“ ist ein Sprichwort aus dem südlichen Afrika und Titel des 21. MISEREOR-Hungertuchs. Der Künstler Chidi Kwubiri lädt mit ihm zum Gespräch ein, wie Menschen einander näher kommen und miteinander die Zukunft unseres Planeten gestalten können.

Mich persönlich hat schon in der Vorbereitungsphase auf den Freiwilligendienst das diesjährige misereor-Hungertuch sehr prägend begleitet. Ein Text zu diesem spricht mich dabei besonders an und fängt meines Erachtens auch viel von der Idee CANATs ein:

Einmal wird mein Herz

wie ein Auge sein

das in dir

mein Gegenüber sieht

selbst in dunkelster Nacht

so hell wie der Tag.

Einmal wird mein Herz

wie ein Ohr sein

das deinen Atem hört

der wie ein leiser Wind

durch die Tür deiner Nasenflügel

dein Innerstes betritt.

Einmal wird mein Herz

wie eine Hand sein

die sich zart auf deine Schultern legt

wie ein Schutz

wie ein Trost

wie eine Bestärkung

die sagt: Ich bin da.

von Katharina Barth-Duran

Meinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen, an seinem Leben ein Stück teilzuhaben und seine großen und kleinen Ängste, Hoffnungen, Träume zu teilen – das verkörpert das Kunstwerk und auch CANAT für mich.

Allgemein steckt pädagogisch viel mehr Überlegung und Struktur dahinter als auf den ersten Blick erkennbar ist. Auf Routine wird beispielsweise viel Wert gelegt. Einen Raum mit klaren Regeln und Normen zu geben, der Rückhalt und Konsistenz in den Beziehungen zwischen Kindern und Mitarbeitern verspricht, ist äußerst wichtig für die Kinder. Außerdem sind die verschiedenen Arbeitsbereiche sehr langfristig und integrativ ausgerichtet. Nicht nur die Familie wird in großem Maße einbezogen, sondern die Arbeit von CANAT soll auch möglichst in alle Lebensbereiche „hineinwirken“. So ist das Sportprogramm, in dem ich in der ludoteca mitanpacken darf, nicht einfach nur sich aktiv bewegen. Vielmehr erlebe ich diese Tätigkeiten als Ort des Lernens von wichtigen Werten, wie fairplay, Selbstständigkeit, Respekt, und als ein Angebot zur Selbstreflexion – für die Kinder wie für mich.

Mit der gleichen Stärke und Energie tritt CANAT für die Rechte der verletzlichsten Personen der Gesellschaft ein: Menschen, die in Armut oder auch mit Behinderung leben. Ihnen soll dazu verholfen werden, ihre Rechte zu kennen und auch wirklich ausüben zu können, um sich als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zu fühlen.

Letzten Donnerstag hatten wir eine kurze Fortbildung zu dem Rollenverständnis als „Lehrkraft“ in CANAT. Dabei wurde uns zu Beginn ein Stück Knete gegeben, mit der Aufgabe, ein Symbol zu schaffen, das für uns persönlich unsere Arbeit hier in Peru repräsentiert. Dabei ging es nicht nur um das Endprodukt, sondern auch – oder vielmehr – um den Prozess des „Formens“. Im Spanischen heißt die Lehrkraft nämlich „formador“, also einer, der formt. Und auch wenn dieses Formen in manchen Fällen noch so minimal sein sollte.

Letztendlich will CANAT bewirken, dass die Kinder ihre Zukunft selbst in die Hände nehmen können.

Dass diese Menschen auch andere an die Hand nehmen können.

Dass aus all den arbeitenden, wachsenden und spielenden Händen knetende Hände werden.

 

 

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